SPW Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft - Nr.102/1998

Magazin

    "Das Schwarzbuch des Kommunismus": Ein Bestseller im Dienste des Ressentiments

     

    von Hans Mommsen*

     

    * Hans Mommsen, Feldafing, war bis zu seiner Emeritierung Professor für moderne europäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum

     

    Das von einer französischen Autorengruppe unter Leitung von Stéphane Courtois, Forschungsleiter am CNRS (Centre Nationale de la Recherche Scientifique) und Herausgeber der Zeitschrift Communisme, veröffentlichte "Schwarzbuch des Kommunismus" (Piper Verlag, München 1998, 987 S., 68,- DM) hat in der Öffentlichkeit großes Aufsehen hervorgerufen, obwohl weder die These noch die Materialgrundlage besondere Neuigkeit aufweisen. Der Hinweis auf die Auswertung von bislang unzugänglichen Quellen aus den ehemaligen sowjetischen Archiven ist eher irreführend, denn der umfassende Band beruht im wesentlichen auf einer Kompilation von Angaben in der Sekundärliteratur.

     

    Schematische Interpretation der Fakten

     

    Der Hauptteil des Buches, der aus der Feder von Nicolas Werth stammt, bietet eine sachkundige, auf dem jüngsten Forschungsstand beruhende und weithin überzeugende Darstellung der inneren Entwicklung Rußlands bzw. der Sowjetunion bis zum Ende des Stalinismus. Die Analyse des Kriegskommunismus, der Zwangskollektivierung und des Archipel Gulag, gleichzeitig des "Großen Terrors" und der späteren Säuberungsmaßnahmen sind die Schwerpunkte der Darstellung, die sich als ein "erster Schritt" zur Schilderung der "Praktiken der Gewalt" im bolschewistischen System begreift.

     

    All das wird jedoch von Courtois in den engen und tendenziösen Rahmen der "Verbrechen des Kommunismus" - so dessen Einleitung - gezwängt und durch ein Kompendium über Terror und Gewaltanwendung durch die Komintern außerhalb Rußlands ergänzt, wobei zunächst die Verfolgung der "Renegaten" wie der Trotzkisten, dann der spanische Bürgerkrieg geschildert wird, daran anschließend die Gewaltpolitik des Kommuninsmus in Polen und den südosteuropäischen Ländern. Diese von wechselnden Autoren verfaßten Teile kommen über ein Kompendium der Fakten, mit einseitiger Ausrichtung auf die Anwendung von Terror und Gewalt, nicht hinaus. Sie können allenfalls als Handbuch zu Rate gezogen werden, wobei die Herausgeber einräumen, daß vielfach die Quellenbasis unzureichend sei (da das Werk, wie Courtois mir gegenüber erklärte, binnen zwei Jahren abgefaßt worden ist, wäre eine sachgerechte Auswertung auch gar nicht möglich gewesen).

     

    Ähnliches gilt für den abschließenden Teil, der China, Nordkorea, Vietnam, Laos und Kambodscha gewidmet ist. Dabei schiebt sich die verengte Fragestellung noch stärker in den Vordergrund und wird mehr als eine Anreihung von Fakten schwerlich erreicht, während der Versuch einer historischen Erklärung der jeweiligen Entwicklungsprozesse allenfalls sporadisch unternommen wird. Der Grund liegt darin, daß das Buch von der Prämisse des durch und durch verbrecherischen Charakters des Kommunismus ausgeht, so daß es nach Meinung der Autorengruppe ausreicht, die jeweiligen Gewaltaktionen, Terrormaßnahmen und Repressionen aufzuzählen. Dies geschieht selbst auf die Gefahr hin, das dieses Verfahren unvermeidlich zur Ermüdung des Lesers führt, da alle Varianten des Weltkommunismus nach dem gleichen Schema behandelt und die nationalen und kulturellen Besonderheiten heruntergespielt werden.

     

    Auch die DDR mußte ins Schema passen

     

    Es war bezeichnend, daß die französische Ausgabe ursprünglich keinen Beitrag zur Geschichte der DDR enthielt. Nach Angaben von Courtois ging dies darauf zurück, daß die anfänglich vorgesehene Autorin, die aus der früheren DDR stammte, nicht bereit war, die Politik der SED in das vorgegebene Schema einzufügen, weil sie der Auffassung war, daß das Regime in der DDR nicht primär auf der Anwendung von Terror und Gewalt beruhte. Damit wurde der Beitrag über die DDR fallengelassen: er paßte nicht in das vorgegeben Schema. (Was die übrigen Autoren angeht, besteht der ursprüngliche Konsens, den der Herausgeber stilisiert, offenbar nicht mehr.)

     

    Es ist zu beklagen, daß dieses Beispiel einer Tendenzhistorie, die sich offensichtlich den Absatzerfolg von Daniel Goldhagen zum Vorbild nimmt und gegen den Popanz einer angeblichen Verniedlichung des Kommunismus angeht, auch in Deutschland in den Rang eines Bestsellers aufsteigt, obwohl schwerlich zu erwarten ist, daß dieses Buch zu wesentlichen Teilen gelesen werden wird - dafür ist es mit ca. 1000 Seiten zu lang und durch endlose Wiederholung desselben Strickmusters (und bekannter Fakten) zu langweilig.

     

    In der deutschen Ausgabe findet sich ein zusätzlich eingeforderter Beitrag von Joachim Gauck, dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, sowie der Artikel eines seiner Untergebenen, Dr. Ehrhart Neubert, der sich durch polemische Publikationen gegen den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe hervorgetan hat und schwerlich als unabhängiger Wissenschaftler (geschweigen denn Fachhistoriker) zu betrachten ist.

     

    Beide Beiträge haben die Funktion, den Mißstand zu beheben, daß Deutschland ursprünglich nicht vorkam. Daß die Weimarer Zeit ebenfalls hätte erwähnt werden müssen, fällt demgegenüber nicht ins Gewicht. Neuberts Darlegungen kommen über die Ausbreitung bekannter Allgemeinheiten nicht hinaus, ohne sich der Frage zu stellen, ob die SED-Politik auf lange Sicht wirklich dem Kriterium verbrecherischer Gewaltausübung zuzuordnen ist. Um diese These zu retten, führt er den Begriff des "präventiven Terrors" ein, indem Vertreter der "gesellschaftlichen Kräfte" beispielsweise oppositionelle Veranstaltungen zu unterwandern oder zu provozieren pflegten. Auch die Stasi wird in diese Rubrik eingeordnet. Selbstverständlich vermeidet er jeden Versuch, die relativen Leistungen der DDR-Politik, unter den gegebenen Bedingungen sowjetischer Penetration, zu würdigen, vielmehr beschränkt er sich - ganz im Einklang mit den übrigen Autoren (mit Ausnahme Nicolas Werths) - auf das moralische Verdikt.

     

    Gaucks abschließender Essay präsentiert im wesentlichen einen autobiografischen Rückblick, der mir allgemeinen Aussagen zur Totalitarismustheorie und der Feststellung endet, "daß neben dem Nationalsozialismus auch mit dem Kommunismus ein Qualitätsvorsprung ins Negative erfolgt ist" (S. 892), womit er - die Trivialität der Aussagen nicht verschleiernd, der grundsätzlichen Position von Courtois artig beipflichtet.

     

    Mangelnde Differenzierung zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus

     

    In dem Kapitel "Warum?" versucht der französische Herausgeber nach rund 800 Seiten ermüdenden Details und moralisierenden Ausführungen eine systematische Erklärung für die Verbrechen des Kommunismus zu liefern, wobei er über einen ziemlich ausgeleierten ideengeschichtlichen Zugriff nicht hinaus kommt. Folgerichtig erscheinen nicht Lenin und nicht Stalin, sondern Karl Marx als der Hauptschuldige, der schon im Kommunistischen Manifest dem Gewaltdikurs gehuldigt habe, wie Courtois bei einer Veranstaltung in Dresden zur Selbstkorrektur hinzufügte.

     

    Nicht ohne inneren Widerspruch schließt sich an die Schilderung der Anwendung von Terror und Gewalt in der russischen Geschichte seit Iwan dem Schrecklichen eine an der zeitgenössischen Kritik von Karl Kautsky geschulte, begrifflich unscharfe Analyse der ideologischen Grundlagen des Sowjetsystems an. Diese diskutiert die Frage, warum es über die "Umerzehung" hinaus in der Regel zur "Auslöschung des Gegners" kam, mit seltener Hilflosigkeit, um letzten Endes den Szientismus der kommunistischen Ideologie dafür verantwortlich zu machen (für China und in Asien kann er dann auf den Konfuzianismus zurückgreifen).

     

    Courtois mag, obwohl ihm hinreichende Sachkenntnis abgeht (abgesehen davon, daß er das Deutsche auch nicht passiv beherrscht), nicht davon ablassen, der vor Jahren für überwunden geglaubten Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus das Wort zu reden. Die Klage, daß nur die verbrecherische Natur des Dritten Reiches, nicht diejenige der kommunistischen Systeme, in das Bewußtsein der westlichen Welt Eingang gefunden hätte, überzieht die tatsächliche Distanz bei weitem, verkennt aber auch, daß zwischen bolschewistischem und nationalsozialistischem System nicht nur grundlegende strukturelle Unterschiede bestehen, sondern auch den bloß aufgesetzten Charakter der faschistischen Bewegungen, die, anders als der Kommunismus, zur Selbstkorrektur nicht in der lage waren.

     

    Pauschalverurteilung statt Erklärung

     

    Bezeichnenderweise fehlt es den meisten Beiträgen an hinreichender begrifflicher Trennschärfe. Der Begriff des Terrors - obwohl dessen Bindung an den terreur der Großen Französischen Revolution für die Pariser Autoren selbstverständlich sein sollte - wird unterschiedslos für jede Form der Gewaltanwendung gebraucht, wobei das entscheidende Kriterium, daß Terror sich dadurch definiert, daß extreme und rechtsdurchbrechende Gewalthandlungen der Einschüchterung potentieller Gegner dienen, in Wegfall kommt.

     

    Der nationalsozialistische Genozid gegen die Juden, der sich formell unter dem Vorwand der Geheimhaltung vollzog, stellt zwar ein genuines Massenverbrechen dar, hat aber mit Terror im engeren Sinne des Wortes nichts zu tun. Das gilt auch für die NS-Politik generell, vielleicht mit Ausnahme der letzten Kriegsmonate, in denen sich terreur-ähnliche Aktionen finden, die die Bevölkerung zum Durchhalten zwingen sollten.

     

    Die moralisierende, deduktive, in Fragestellung und Methode eindeutig tendenziöse Analyse ist für den Leser, der die Gründe für die Fehlentwicklung, als die die kommunistischen Systeme erscheinen, begreifen will, wenig hilfreich. Pauschalverurteilung tritt an die Stelle von Erklärung, Aktivierung vorhandener politischer Ressentiments an diejenige der rationalen Durchdringung. Ob Francois Furet, wie Courtois behauptet, wirklich diesem viele Stufen unter dessen wissenschaftlichem Niveau und differenzierender Auseinandersetzung mit dem Kommunismus liegenden Buch ein Vorwort beigesteuert haben würde, muß offen bleiben.


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