Nachruf Helga Grebing 

von Klaus Wettig* 

Helga Grebing ist tot. Sie verstarb am 25. September in Berlin. Sie erlebte nicht mehr, dass die Sozialdemokratie, für die sie fast 60 Jahre gearbeitet, die sie als politisches Zentrum der von ihr vielfach beschriebenen und analysierten Arbeiterbewegung gesehen hatte, an einem historischen Tiefpunkt anlangte.

Helga Grebings Lebensweg begann 1930 als Arbeiterkind im Norden Berlins. Sie verlor früh ihren Vater, erfuhr eine Prägung durch NS-Pädagogik und BDM, was sie später offen bekannte, und lernte Bürokauffrau. Im untergehenden Berlin der letzten Kriegsmonate arbeitete sie noch in der Rüstungsproduktion. Bald nach Kriegsende eröffnete sich der begabten, bildungshungrigen jungen Frau eine überraschende Chance: Auf der Suche nach einer neuen Elite bot die SBZ, Arbeiter- und Bauernkindern die Chance zum Aufstieg durch Bildung. Die neu gegründeten Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten bereiteten mit Kursen für das Hochschulstudium vor. Helga Grebing bestand die Aufnahmeprüfung, schloss den Kurs 1947 erfolgreich ab und startete an der Humboldt-Universität. Die Praxis der SBZ, die Gewalt der SED ließen sie jedoch zunehmend am richtigen Standort für ihr anwachsendes politisches Engagement zweifeln, deshalb wechselte sie an die Freie Universität in Westberlin. Was heute so einfach klingt, war mit vielen Schwierigkeiten verbunden und nicht ungefährlich. 

Helga Grebing war eine fleißige Studentin, sodass sie schon 1952 bei dem liberal-konservativen Historiker Hans Herzfeld mit der Arbeit Das Zentrum und katholische Arbeiterschaft in der Weimarer Republik promovierte. Danach begann für sie ein hindernisreicher Berufsweg, denn Frauenförderung in der Wissenschaft existierte nicht. Während gleichaltrige Fachkollegen ihren Weg in der Geschichtswissenschaft starten konnten, fand sie länger als ein Jahrzehnt nur wissenschaftsferne Berufsstationen, die sie von München schließlich nach Wiesbaden führten. Hier entdeckte sie der renommierte Politikwissenschaftler und Marxismus-Forscher Iring Fetscher, der sie in die Wissenschaft zurückholte und ihr die Habilitation in Frankfurt ermöglichte. Ihre Arbeit Konservative Kritik an der Demokratie in der Bundesrepublik nach 1945 behandelt ein Lebensthema ihrer wissenschaftlichen Arbeit, die sie stets als praktischen Beitrag zur Verteidigung der Demokratie ansah. 

Nach ihrer ersten Professur in Frankfurt am Main startete sie nach dem Ruf auf die Professur für Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine umfassende Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Göttingen. Ihre Göttinger Jahre von 1972 bis 1988 waren erfüllt von intensiven Studien zur Geschichte der Arbeiterbewegung, die sie mit Forschungsprojekten und zahlreichen Veröffentlichungen zum Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit machte. Die Geschichte der Arbeiterbewegung hatte in den 1960er Jahren neues Interesse gefunden, das angestoßen durch die 68er Bewegung auch Geschichts- und Politikwissenschaft zu neuen Studien, neuen Interpretationen anregte. Helga Grebing wurde bald zu einer zentralen Interpretin dieser neuen Welle. Vor allem ihre Geschichte de rdeutschen Arbeiterbewegung setzte Maßstäbe, da sie über die Politik- und Organisationsgeschichte hinaus die Theoriegeschichte einbezog. Die Erzählung der Theorien des demokratischen Sozialismus verdankt Helga Grebing wichtige Werke, von Der Revisionismus bis zu dem Sammelband Soziale Ideen. Noch in ihrem letzten Lebensjahr arbeitete sie an einem Sammelband über Fritz Sternberg, einen heute zu Unrecht vergessenen unorthodoxen marxistischen Theoretiker. Eine besondere Auszeichnung war es für Helga Grebing, als sie 1988 auf eine Stiftungsprofessur an der Ruhruniversität Bochum wechselte. Ihre breite Forschungstätigkeit floss ein in den Aufbau des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung, heute: Haus der Geschichte des Ruhrgebiets.

Mit der Emeritierung begann für Helga Grebing nicht der Ruhestand. Als Mitherausgeberin der Berliner Ausgabe der Schriften Willy Brandts lieferte sie einen wichtigen Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der SPD und der Bundesrepublik. Dass sie daneben mit Aufsätzen und Vorträgen in die historische Debatte eingriff, die Politik der SPD mitgestaltete, war für sie eine Selbstverständlichkeit. Sie sah sich als Wissenschaftlerin mit gesellschaftlicher Verpflichtung – als politische Professorin, deshalb wirkte sie in der akademischen Selbstverwaltung als Vertreterin des Reformflügels der Professoren, sie engagierte sich mit Gutachten und in Beiräten und sie beriet ihre Partei in geschichtspolitischen Fragen. Die Arbeit der Historischen Kommission der SPD verdankt ihr viel. Vor einigen Jahren würdigte die Süddeutsche Zeitung Helga Grebing als Nestorin der Geschichte der Arbeiterbewegung. Dieses außerordentliche Lob benennt Helga Grebings wissenschaftliche und publizistische Leistung zutreffend. Daneben war sie eine kämpferische Demokratin, eine Förderin ihrer Schüler*innen und eine gute Freundin. Wir werden sie vermissen.

* Klaus Wettig ist ehemaliger Europaabgeordneter und langjährigerWeggefährte von Helga Grebing.